Vorwort:

Als Physiotherapeut gefällt mir die Idee, vor Schnittverletzungen geschützt, jeden Tag und überall barfuß gehen zu können, denn genau das empfehlen wir Patienten, weil die Vorzüge des Barfußgehens für Körperhaltung, Statik des Fußgewölbes und Verbesserung der Funktion der Inneren Organe unbestreitbar sind.

Beim Kneipp´schen Wassertreten wirkt ja nicht nur das kalte Wasser auf die Gefäße, auch die Kieselsteine der Gebirgsbäche sorgen für eine zu Beginn durchaus schmerzhafte Fußreflexzonenmassage, ebenso das von Kneipp verlangte Barfußgehen in der Wiese nach dem Wassertreten.

Da die Fehlstatik der Füße beim Entstehen von Haltungsdefiziten und schmerzhaften Krankheitsbildern des ganzen Körpers, besonders des Achsenorgans Wirbelsäule, eine zentrale Rolle spielt, habe ich die Zehenschuhe unter therapeutischen Gesichtspunkten an mir ausprobiert, mit Augenmerk auf die für mich interessanten physiologischen Vorgänge und Veränderungen.

In der Regel halte ich meine Beiträge kurz und bündig, hier war das nicht möglich, hoffe trotzdem, dass der Leser davon profitiert.

 

Erster Erfahrungsbericht Zehenschuhe nach zwei Monaten (16.06.15):

Im April 2015 habe ich den Einstieg in die Welt der Zehenschuhe gewagt, inspiriert von einem meiner Patienten, der sie schon länger trug und mir von den Vorzügen erzählte. Ich hatte sie schon bei anderen Fortbildungsteilnehmern eines Kurses vor zwei Jahren gesehen, fand aber damals, die Schuhe sähen ziemlich bescheuert aus mit den einzelnen Zehenfächern. So kann einem die eigene Borniertheit den Weg zu gesundheitsfördernden und sinnvollen Innovationen versperren.

Besser spät als nie.

Nach acht Wochen mit  Zehenschuhen kann ich natürlich noch keine Auskünfte über mittel- und langfristige Auswirkungen geben, aber es gab in dieser kurzen Zeit schon verblüffende Erkenntnisse, die es mir Wert erschienen, erwähnt zu werden.

Begonnen habe ich mit der Treksport-Sandale Mitte April dieses Jahres.

Sofort nachdem ich meine Zehen manuell in die richtigen Zehenfächer einsortiert hatte (der zweite wollte partout immer zusammen mit dem dritten in dessen Fach), stellte sich ein sehr angenehmes Gefühl ein, in der Art von „sitzt wie angegossen“. Ich trage normalerweise Gr. 44,5, die Sandale habe ich in M 44 genommen. Da es im April noch ziemlich kalt war und ich ungern barfuß in Schuhen laufe, hatte ich mir auch Zehensocken mitbestellt. Sie sind am Anfang ähnlich schwer anzuziehen wie Fingerhandschuhe bei Kindergartenkindern, aber mit der Zahl der Wiederholungen steigt auch das Tempo des Prozesses, schließlich ist unser Hirn plastisch und kann ein Leben lang neue Bewegungsabläufe lernen.

Mich hat bei den Socken nur gestört, dass in den Zehenzwischenräumen große Spannung auf den „Schwimmhäuten“ war, aber wenn man den Stoff  zwischen den Zehen wieder etwas nach vorne zieht, wobei durchaus Stoff der einzelnen Zehenhüllen vorne vor der Zehe liegen kann, ohne im Schuh irgendwie zu stören, dann ist das Tragen komplett spannungsfrei. Dennoch nicht jedermanns Sache, mein Patient z.B. kann nur ohne Socken in die Schuhe schlüpfen und in ihnen gehen.

Die TrekSport Sandale selbst vermittelt ein angenehmes Bodengefühl, ist vom Material des Seitenaufbaus her etwas steif, da die Lüftungsschlitze natürlich rundherum fest genäht sein müssen, um die Stabilität nicht zu verlieren. Beim Abrollen hat sich anfangs am rechten Fuß innen hinten der Luftschlitz leicht eingefaltet und ich hatte noch mehrere Tage dort ein Druckgefühl, das inzwischen aber verschwunden ist. Der Schnellverschluss der LS Serien trägt den Namen zu Recht, auch der praktische Klettverschlusskontakt, mit dem der Senkel auf dem Spann befestigt werden kann, ist ein durchdachtes Detail. Die Kokosfasern zur Geruchsreduzierung wirken gut, auch wenn man barfuß in den Schuhen ist. Die Zehenfächer sind anfangs etwas steif, ich hatte in den ersten zwei, drei Tagen eine rinnenförmige Druckstelle an der Innenseite der rechten Großzehe, die aber nicht schmerzhaft wurde und seitdem kein Thema mehr ist.

Physiotherapeutisch interessant war die sofort bemerkbare massive Änderung des Bewegungsablaufes im Gangbild, besonders in der Phase des Fußaufsetzens, des „initial contact“.

Die unnatürliche Stauchung des Fersenbeins über die hohen Absätze herkömmlicher Schuhe setzt sich über die Untere Extremität als massiver Druckimpuls bis in die Wirbelsäule fort, was gerade die Bandscheiben besonders belastet, noch dazu, weil bei diesem Fersenaufprall die Gelenkkette den Geher/Läufer  in ein Hohlkreuz schiebt.

Mit den Barfußschuhen dagegen mindert sich der Fersenauftritt schon enorm, und nach einer Weile kommt es von allein immer mehr zu einem Aufsetzen des ganzen Fußes, ein anfänglich so ungewohnter Bewegungsablauf, dass ich erst versuchen mußte wie eine Primaballerina auf dem Vorfuß zu gehen, um das ältere Muster zu überlagern. Das Aufsetzen auf der ganzen Sohle erfolgt auch aus geringerer Höhe, die Füße „shiften“ eher über den Untergrund in ein, zwei Zentimetern Höhe, was sofort die Kinematik der Fuß-, Knie- und Hüftgelenke verändert. Mit der angenehmen und wichtigen Folge, dass das Becken etwas nach hinten unten kippt, und so die Lendenwirbelsäule aus dem Hohlkreuz herauszieht.

Von den in einem Bericht des Bayerischen Rundfunks über Zehenschuhe vom 10.06.15 berichteten Instabilitäten oder schmerzhaft verspannten Muskeln habe ich nichts verspürt, geschweige denn von erhöhtem Verletzungsrisiko und sogar Ermüdungsbrüchen, vor denen gewarnt wurde, allerdings bin ich kein Läufer. Ich habe auch nicht mitgekriegt, wie lange die Testpersonen in dem Beitrag vorher mit herkömmlichen Laufschuhen unterwegs waren und wie lange sie Zehenschuhe ausprobiert haben, bzw. welche Anpassungsphase sie „durchlaufen“ hatten. Physiotherapeutisch ist die postulierte, erhöhte Verletzungsanfälligkeit eher als Folge der über die Jahre verwendeten, weichgepolsterten, gewölbestützenden Laufschuhe zu sehen, da mangels Input die sensible Rückmeldung ans Gehirn über die Bodenbeschaffenheit immer geringer wurde, und die Muskeln dank Weichpolsterung keine gewölbestützende Funktion mehr übernehmen mußten. Wenn dann auf  Barfußlaufen gewechselt wird, dann fehlen die Eigenstabilisatoren des Fußes, die hat man im Laufschuh zurückgelassen, und auch die Sensorik ist verlangsamt, weshalb man schneller umknickt, da die muskuläre Korrektur zu spät erfolgt. Zur Beschleunigung der „Equilibriumsreaktion“ im Unteren Sprunggelenk und der Stellreflexe des gesamten Körpers lasse ich meine Patienten barfuß über verschiedene Weichbodenkissen gehen, oder auf ihnen landen, um die Gefahr einer erneuten Verletzung oder eines Sturzes, gerade bei älteren Patienten, zu vermindern. Auch hier kann man Zehenschuhe einsetzen, bei der Yogaübung Baum war ich im Einbeinstand sehr wacklig unterwegs, seit Verwendung der Zehenschuhe bin ich erstaunlich stabil, wackle kaum, und schaffe manchmal 3 Minuten, was für geübte Yogis lächerlich ist, für mich aber eine enorme Leistung darstellt. Auch in der Istanbuler Trambahn konnte ich ohne mich festzuhalten sicher stehen, was beim Fahrstil der Tramfahrer eine Herausforderung ist. Ich führe diesen Effekt zurück auf die verbesserte sensible Rückmeldung der Fußsohle in Verbindung mit einer schneller reagierenden, fußstabilisierenden Muskulatur, also einem reaktionsschnellerem Zusammenspiel der Sensomotorik.

Ich trage seit zwei Monaten ausschließlich Zehenschuhe. Die von Kirsten und Marco vorgeschlagene Eingewöhnungsphase war bei mir nicht nötig, ich bin von Null auf Hundert ausschließlich mit Zehenschuhen unterwegs, ohne Probleme. Aber auch hier mit der Einschränkung, daß es bei Läufern anders aussehen kann. In dieser achtwöchigen Zeitspanne hat sich kein negativer Überlastungseffekt auf meinen Muskelbandapparat gezeigt. Selbst im Härtetest einer einwöchigen Stadt-Begehung von Istanbul, mit im Schnitt 16.000 Schritten pro Tag, in Altstadtgassen und auf Kopfsteinpflaster, zeigten sich keinerlei Probleme, ich hatte sogar das Gefühl frischer zu sein.

Das kam für mich unerwartet, da ich seit 25 Jahren Einlagen getragen habe, und ohne diese passive Stabilisierung nicht mehr barfuß gehen konnte, weil mein Fußgewölbe zusammengesackt ist und ich stechende Schmerzen im Köpfchen des vierten Mittelfußknochens rechts bekam.

Bin ich jetzt barfuß ohne Zehenschuhe, stellt sich ein deutlich besseres Längsgewölbe dar, und auch der Hallux Valgus Winkel hat sich vermindert, die Großzehen stehen gerader. Das ist besonders erstaunlich, weil es keine wirklich durchschlagenden Therapiemöglichkeiten in der Behandlung der nach innen eingescherten Großzehen gibt, auch die operierten Geradstellungen zeigen selten dauerhafte Korrekturen. Das liegt auch daran, dass wir nur einen Muskel haben, der am Längsgewölbe der Innenseite des Fußes verläuft und den großen Zeh zur Körpermitte hin ziehen könnte, den Abduktor hallucis, wenn er nicht völlig ausgelatscht wäre. Dagegen haben alle anderen Zehenheber- und beugermuskeln einen Verlauf, der die Großzehe über den zweiten und dritten Zeh nach der Fußaußenseite rüberzieht.

Mir war es bisher auch nicht mehr möglich, die große Zehe aktiv zu korrigieren, ich habe sie mit den Fingern seitlich ausgestellt und isometrisch angespannt, aber der Valgus blieb. Jetzt gelingt es mir die Zehe muskulär aktiv nach innen und gerade zu stellen, und nach nur acht Wochen kann ich beidseits einen deutlichen, gitarrensaitenstrammen Muskelstrang des Abduktor hallucis tasten, der die letzten 25 Jahre, nach Beginn der Einlagenversorgung, weder sicht- noch tastbar war. Es ist ein genialer Effekt, den einzigen Muskel, der Korrekturpotential für Großzehe und Längsgewölbe hat, zu reaktivieren. Ich rate deshalb meinen Hallux-Valgus-PatientInnen, Zehenschuhe auszuprobieren, besonders den Damen, aber auch den Freikletterern, deren Zehen häufig massivere Fehlstellungen aufweisen, weil die Kraft durch die straffen Gummischuhe auf einen sehr kleinen Raum an der Fußspitze übertragen werden muß, und die Zehen quasi zwangsweise gebündelt werden. Zumindest in der Freizeit dürfte das Tragen von Zehenschuhen auch nicht an der Eitelkeit scheitern, die Zehenballerinas mit Netzstruktur sind sogar gesellschaftsfähig beim Ausgehen in der Stadt.

Ob sich der von mir bemerkte Effekt bei den Patienten, die es mit Zehenschuhen versuchen, ebenfalls einstellt, muß abgewartet werden, es bedarf einer ausreichenden Zahl von Probanden und klarer Befundaufnahme mit aussagekräftigen Meßwerten im Verlauf, um Ergebnisse objektivieren zu können. So habe ich auch bisher keine Verbesserung des Quergewölbes bei mir feststellen können, für das ein Schlüsselmuskel, wie der Abduktor hallucis für das Längsgewölbe, fehlt, die zehennahe Mittelfußknochenreihe bleibt bisher flach, aber auch darauf werde ich längerfristig meine Aufmerksamkeit richten.

Eine weitere Auswirkung, die sich bei mir einstellte, war eine Abnahme des Schmerzes im Verlauf meines linken Ischiasnerven, der durch eine Suprapiriformishernie begründet ist und längeres Stehen sehr unangenehm macht. Osteopathie hat nichts gebracht, aber homöopathisch konnte der Schmerz auf ein Zehntel seines Maximums reduziert werden. Hier hilft es mir, dass durch die flache Sohle mein Becken etwas nach hinten unten korrigiert wird, das gibt durch die Spannungssenkung (Detonisierung) des Piriformismuskels dem Nerv mehr Freiraum. Der Schmerz ist zwar weiterhin vorhanden, kommt aber später und geringer. Dieses Phänomen konnte auch oft bei Trägern von MBT-Schuhen (Massai-Barfuß-Technik) beobachtet werden, die durch ihre schiffsbugförmige Sohle eher ein Abrollen des Fußes über den Grund bewirken als ein Einstauchen der Ferse. Die Massai haben tatsächlich eine schiffsrumpfähnliche Anpassung ihrer Fußsohlen auf den harten Untergrund der trockenen Savannen entwickelt.

Ich halte die Zehenschuhe für geeigneter in europäischer Landschaft, da hier Weichböden ebenso vorkommen wie harte Untergründe, vom Trekking im sumpfigen Gelände bis zum Marschieren auf den mit Steinen gepflasterten Innenstadtstraßen. Hier fehlt den MBT-Schuhen jede Anpassungsfähigkeit, sie würden überall gleich abrollen, aber genau diese Monotonie verhindert ja wieder eine abwechslungsreiche, gesunde Belastung unterschiedlicher Anteile der stabilisierenden Fußstrukturen.

Soweit ein erster Eindruck über die getragene TrekSport Sandale.

Ich möchte am Schluß noch betonen, daß ich keinerlei Vergünstigungen, Gratisprodukte oder -dienstleistungen von zehenschuhe.de erhalte, der Bericht bleibt objektiv. Deshalb guten Gewissens der Link: http://www.zehenschuhe.de

Da der April samt Mai vom Wetter her äußerst kühl und naß verlief, habe ich mir als zweiten Zehenschuh im Mai den Kommodo-Sport LS bestellt. Es wird einem zwar auch in der TrekSport Sandale nicht so schnell kalt, aber der ständige Regen nervte. Als geschlossener Schuh braucht der KMD nicht die verstärkten Nähte der Lufteinlässe der Sandalen, gleitet sanfter auf den Fuß und schmiegt sich dort wie eine zweite Haut an. Das Material fühlt sich so weich und bequem an, dass ich ihn auch daheim nicht ausziehe. Eine Beurteilung ist aufgrund der kurzen Zeit, in der ich ihn trage, noch nicht möglich.

B. Schweighart (Dipl.Phys.Mag.)